Nachwuchseuropameisterschaften im Kraftdreikampf

Vom 14. bis 17. April fanden die Europameisterschaften der Jugend und Junioren in Alhaurin de Torre, Malaga / Spanien statt.

Bereits vor der Hinreise war klar, dass Malaga ein besonderes Erlebnis werden wird. Anders als in den üblichen Ostblocknationen, musste man sich hier auf eine mediterrane Hitze einstellen.

Das Team ist mit der Einstellung an den Start gegangen, so gut wie möglich in der Nationenwertung anzugreifen. Ich nehme vorweg, dass uns drei Punkte für den Gesamtsieg fehlten, nichts desto trotz, war es eine Wahnsinnsvorstellung des gesamten Team.

Nun gehe ich chronologisch vor.

Als einzige deutsche jugendliche Starterin ging Sonja-Stefanie Krüger am Donnerstag für uns an den Start. Wie bereits im letzten Jahr dominierte Sonja bei den jugendlichen Startern. Sie erreichte sowohl die höchste Punktzahl der Meisterschaft, als auch das höchste Total und das obwohl sie in der Klasse bis 63 kg an den Start ging.

Sie eröffnete den Wettkampf bereits mit einem neuen Jugend-Weltrekord von 200 kg, den sie mit ihrem Zweitversuch auf satte 213 kg verbessern konnte. Dies ist gleichzeitig auch ein neuer Junioren-Europarekord.

Im Bankdrücken ging zwar nur einer der drei Versuche in die Wertung, dennoch reichte es für einen neuen Jugend-WR. Im Kreuzheben zog sie schöne 160 kg, die ihr einen neuen Jugend-WR von 488 kg im Total einbrachten. Selbstverständlich war das die Ausbeute der kompletten Malaga-Gold-Serie in dieser Klasse.

Am Freitag hatten wir einen Tag frei. Während wir das schöne Wetter genießen konnten, war unser Kampfrichter Jewgenij Kondraschow in der Halle und wertete. Am Freitag haben sich die Coaches kurz versammelt und mit den Athleten die Marschroute besprochen, da am Samstag vier Athleten gleichzeitig zu betreuen waren. Neben Matthias Scholz und mir, waren auch Reiner Heinrich und Heiko Krüger als Helfer voll im Einsatz. An dieser Stelle meinen herzlichen Dank an euch Helfer, vor allem an die beiden Selbstzahler, die es sich nicht nehmen ließen uns zu unterstützen.

Am Samstag ging es dann für Marius Milla in der Klasse bis 74 kg an den Start. In der gleichen Gruppe traten auch Viktor Beilmann und Julian Schnurr in der Klasse bis 83 kg an. In der Wechselgruppe ging Maxim Schutan in der Klasse bis 93 kg an den Start.

Wie bereits im Vorbericht erwähnt, zieht sich Marius Milla nach diesem Wettkampf aus dem internationalen Kraftdreikampf zurück. Er ließ es noch einmal richtig krachen – und vermutlich auch eine seiner Rippen bei der Kniebeuge. An dieser Stelle gute Besserung.

Marius erreichte mit 270 kg in der Kniebeuge (Silber), 165 kg im Bankdrücken (Silber) und 290 kg! Im Kreuzheben (Gold) ein Total von 725 kg. Er wurde somit Vizeeuropameister seiner Gewichtsklasse. Nach Relativpunkten darf er sich nun stärkster deutscher Juniorenkreuzheber aller Zeiten nennen. Auch den eingefrorenen Fabelrekord von Mario Schnurr aus dem Jahre 1997 konnte er damit überbieten.

Nach längerer Krankheit meldet sich Viktor Beilmann im internationalen Kraftdreikampf-Geschäft wieder. Er konnte noch nicht ganz zu seiner alten Form finden, zeigte aber trotzdem großen Kampfgeist auf der Bühne. Jener Kampfgeist wurde mit einer Medaille in der Kniebeuge belohnt. Hier konnte er nach sicheren Einstiegs- und Zweitversuchen solide 275 kg kämpferisch in die Wertung bringen. Im Bankdrücken gelangen 160 kg und im Kreuzheben 240 kg. Mit dem Total von 675 kg musste er sich mit dem sechsten Platz zufrieden geben. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass Viktor zur WM richtig einen drauf legen wird. Sein Kampfgeist und -wille haben mich beeindruckt.

Wenn jemand Europameister in der Klasse bis 83 kg werden wollte, war Julian Schnurr der Mann, den es zu schlagen galt, wenn man die Meldeliste betrachtete. Leider erwischte Julian am Anreisetag ein Infekt, was uns zu größerer Vorsicht im Wettkampf veranlasste. Grundsätzlich reduzierten wir in Absprache mit seinem Heimtrainer und Vater Mario die Einsatzgewichte vorsichtig. Außerdem wählten wir im Aufwärmraum Abschlussgewichte, die ziemlich dicht an seinen Anfangslasten waren, damit wir kein Risiko in Bezug auf die Tagesform eingehen mussten. Dennoch war im Wettkampf einfach der Wurm drin. Vor dem Erstversuch haben die Scheibenstecker so lange gebraucht, dass ihm das Gefühl in den Beinen fehlte und er nach vorne stolperte. Etwas nervös ging er demnach im Zweitversuch an die Hantel und beugte diesen deutlich zu flach. Im Drittversuch konnte Julian noch einmal seine Nerven zusammen nehmen und brachte die 280 kg 2:1 in die Wertung. Dieser Versuch wurde mit der Silbermedaille belohnt. Auch im Bankdrücken war der Wurm drin. Mit Ach und Krach kam er im ersten Versuch (187,5 kg) mit der Hantel auf die Brust und genauso mühselig ging sie auch nach oben. Den Zweit- und Drittversuch konnte er dann leider nicht mehr in die Wertung bringen. Schade, denn das ist eine Last, die er sonst jeden Tag drücken kann. Dennoch brachte ihm auch dieser Versuch immerhin eine bronzene Medaille ein. Im Kreuzheben zog Julian ordentliche 267,5 kg im ersten und starke 280 kg im Zweitversuch. Der Sprung auf 295 kg um den Norweger Slettnes noch abzufangen, scheiterte knapp über Kniehöhe. Julian erreichte somit den Vizeeuropameistertitel mit 747,5 kg und die Goldmedaille im Kreuzheben.

Maxim Schutan hatte (mit Equipment) sein internationales Debüt. In der Kniebeuge brachte er starke 297,5 kg in die Wertung. Im Bankdrücken bewältigte er solide 197,5kg und im abschließenden Kreuzheben 240 kg. Die beiden Medaillenversuche (Silber Kniebeuge und Silber Bankdrücken) scheiterten nicht an der Kraft, sondern am fehlenden Selbstvertrauen und Erfahrung. Beides Punkte, neben dem weiteren Üben mit der Wettkampfausrüstung, an denen wir für die WM arbeiten werden. Mit soliden 735 kg erreichte Maxim den vierten Platz in seiner Klasse. Ich bin mir sicher, dass er zur WM noch eine ganze Ecke drauf packen wird.

Nach dem Wettkampf trafen wir uns wieder ein und sprachen die Planung des Sonntags durch. Wir hatten noch zwei Starter, die es durch den Wettkampf zu bringen galt. Bisher gab es keinen Bomb out und wir sammelten schon viele wertvolle Punkte für die Nationenwertung.

Tim Leitow ging am Sonntag in der Klasse bis 105 kg an den Start. Sein Teamkollege Kevin Jäger trat bis 120 kg an.

Da Tim mit einer Ellenbogenverletzung zu kämpfen hatte, wollten wir erst einmal alle Anfangsversuche sicher in die Wertung bringen, da nur drei Starter in seiner Klasse vertreten waren. In der Kniebeuge zogen wir den Anzug so hoch wie möglich und wickelten die Kniegelenke nur moderat, so dass wir keine hohe Last für den Eröffnungsversuch benötigten. Tim beugte ziemlich solide 255 kg im Erstversuch. Nun war es eine Teamleistung ihn bis zum Drittversuch so anzuziehen, dass wir eine Silbermedaillenlast von 312,5 kg auflegen konnten. Den Zweitversuch musste wir auslassen, da es unmöglich war den Anzug so schnell zu verändern. Im Drittversuch beugte er dann die für Silber notwendigen 312,5 kg. Der Tscheche Portes konnte aber noch einen drauflegen und somit waren die 312,5 kg „nur“ Bronze. Dennoch wertvolle Kilos für das Total.

Im Bankdrücken probierten wir im Warmmachraum bereits das Hemd an, um zu sehen, ob es überhaupt mit dem Ellenbogenproblem grundsätzlich möglich wäre im Wettkampf zu drücken. Dennoch eröffneten wir den Wettkampf sicher mit einer lockeren Last von 100 kg. Im Zweitversuch steigerten wir auf 200 kg, die Tim für die Silbermedaille nach oben drückte. Die Steigerung auf 215 kg gelang leider nicht mehr, da sich das Hemd aus dem Wettkampf verabschiedete. Ein lauter Knall beim Andrücken der Last machte es unmöglich diesen Versuch in die Wertung zu bringen. 15 wertvolle Kilos, die uns nun im Total fehlten. Auch im Kreuzheben gaben wir uns erst einmal bedeckt und eröffneten mit butterweichen 250 kg das Feld. Nachdem wir im Zweitversuch nur 270 kg meldeten, wurde Tim bereits von Portes nicht mehr ernst genommen. Der Plan gelang und Portes steigerte unnötigerweise von 300 auf 317,5 kg. Wie bei den Tschechen nicht selten, konnte er seinen Zweitversuch nicht mehr in die Wertung bringen. Somit legten wir 302,5 kg auf, welche uns im Total auf Platz zwei bringen sollten. Der Plan ging auf und Tim zog die 302,5 kg mit Überschuss in die Wertung. Dies brachte ihm den Vizeeuropameistertitel ein und die Silberne im Kreuzheben. Portes konnte seinen Drittversuch wie spekuliert nicht mehr in die Wertung bringen und kam somit wie Tim auf 815 kg, war dabei aber schwerer.

Kevin Jäger dominierte die Klasse bis 120 kg (wie nicht anders zu erwarten war). Mit seiner Anfangslast von 390 kg stellte er einen neuen deutschen Rekord bei den Aktiven auf. Die Steigerung auf 405,5 kg (ERJ) war an diesem Tag leider noch etwas zu schwer. Aber bereits mit seiner Anfangslast war ihm Gold in der Beuge nicht mehr zu nehmen.

Im Bankdrücken erwischte Kevin einen rabenschwarzen Tag und konnte nur 310 kg in die Wertung bringen. Dennoch Gold mit 30 kg Vorsprung.

Im Kreuzheben sicherte er sich den Europameistertitel mit gezogenen 275 kg im ersten Versuch bereits ab. Hier war klar, dass niemand mehr von hinten kommen kann. Aus diesem Grund entschieden wir uns für 305 kg um eine Chance auf den Relativsieg zu haben. Beide Versuche scheiterten knapp über dem Knie. Schade, aber dennoch unangefochten Europameister mit 975 kg in der Klasse bis 120 kg mit gerade einmal 20 Jahren. Zudem konnte Kevin das drittbeste Punkteergebnis der Meisterschaft abliefern.

In der Nationenwertung belegten wir (46 Punkte) den zweiten Platz hinter der Ukraine (48 Punkte) und vor Norwegen (30 Punkte). Nur mit drei Punkten sind wir an der Mission Gesamtsieg „gescheitert“. Eine starke Mannschaftsleistung, die nur möglich war, weil sich jeder den Hintern für das Team aufgerissen hat und nicht nur an seinen eigenen Wettkampf gedacht hat. Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Startern bedanken. Das habt ihr Klasse gemacht. Weiter so!

Noch einmal geht auch mein Dank an die Coaches und an unseren Referee Jewgenij und seine Frau Veronika, die uns lauthals unterstützt haben.

 

Francesco Virzi
Bundestrainer Kraftdreikampf im BVDK e. V.

Bundesverband Deutscher Kraftdreikämpfer e.V.
www.bvdk.de